Raphael, der Freiwillige

Die Bewerbung

Nach dem Fachtag und dem Kontakt zu einer Einsatzstelle, musste sich Raphael trotzdem offiziell bewerben. „Ich finde, es ist schwierig“, sagt er. „Ich muss mich selber beschreiben. Die Einsatzstelle soll ja ein Bild von dir bekommen. Wenn man aber alles aufschreibt und da steht Rollstuhl, dann sagen alle gleich: Rollstuhl geht nicht. Ein realistisches Bild gibt es nur, wenn ein persönlicher Kontakt da ist.“ Bei einem Treffen steht immer im Vordergrund, was möglich ist und es entstehen keine Phantasien darüber, was alles nicht möglich ist.

Nach der Bewerbung bekam Raphael ein Bewerbungsgespräch bei Tamara Müller, der Leiterin des Jugendzentrums Geschwister-Scholl-Haus (GSH). Und wenig später, als Raphael schon wieder im Schwarzwald war, gab es morgens einen Anruf und eine Zusage aus Berlin.

Er hatte keine weiteren Bewerbungsgespräche. Er hatte es aber auch nicht darauf angelegt. Damals hatte er in seine Bewerbung geschrieben, dass er eine Behinderung habe. Aber auch, dass er den Rollstuhl nicht permanent benutzt, ihn aber im Alltag benötigt. Was aber bedeutet diese Aussage, wenn der Menschen dazu unbekannt ist?

Mittlerweile erzählt er, egal wohin er geht, im Vorhinein nichts über seine Behinderung. Er gibt zu, dass das schwieriger ist: „Manche sagen, dass man was sagen muss, damit man sich darauf einstellen kann. Aber ich möchte lieber, dass die Menschen spontan in der Situation damit umgehen müssen. Dann kann ich ihnen direkt die Sorgen und Ängste oder Bedenken nehmen.“

Damit stößt er Leute vor den Kopf, dessen sei er sich bewusst, aber wenn die Menschen sich vor einem Treffen viele Gedanken machten, würden sie die Bilder von Behinderung und ihre Ängste nur reproduzieren. „Es ist der radikalere Weg, aber er hat meistens gut funktioniert“, sagt er und grinst. Dann wird er wieder ernst: „Na klar, es gehört zu mir, es ist auch ein Teil von mir. Das habe ich auch akzeptiert, aber ich möchte als Mensch mit meinen Fähigkeiten wahrgenommen werden.“

Das freiwillige Jahr

Das Geschwister Scholl Haus mit viel Flieder.

Raphael ist in den bisherigen acht Monaten seines Freiwilligendienst schon drei mal umgezogen: Erst Wedding, dann Ostkreuz und jetzt lebt er in Schöneberg. Die Einsatzstelle hat er nicht gewechselt. Das Jugendzentrum in Berlin-Spandau ist groß und vielfältig ausgestattet. Es bietet Räume und Möglichkeiten für Musikmachen, Holzarbeiten, Druck, Töpfern, Kochen. Es gibt viele Angebote und auch einen offenen Bereich. Der Garten ist voller riesiger Fliederbüsche. „Wir sind ein Rahmen für Kinder und Jugendliche von 6 bis 27 Jahren“, sagt Raphael. Er selbst kocht meistens mit den Kindern und Jugendlichen oder macht Holzarbeit mit ihnen. Und Zuhören und Reden ist wichtig. Was er besonders an diesem Ort mag, ist die Offenheit des Jugendzentrums. Außerdem sind die Zugehörigkeit zum Team und die schöne Atmosphäre toll. "Ich habe mich gleich willkommen gefühlt“, meint Raphael und fügt an: „Aber erst kurz vor Weihnachten bin ich hier richtig angekommen.“

Inklusion

Raphael ist überzeugt: Den Idealfall gibt es nicht. Soweit ist die Gesellschaft noch nicht. „Ich habe mich in letzter Zeit ein bisschen zurückgenommen, was das Inklusionsthema angeht“, erzählt er. Er wurde viel damit konfrontiert und findet immer mehr, dass Inklusion dann ist, wenn nicht mehr davon geredet wird.

Raphael begibt sich am liebsten in Situationen und schaut erst dann, wie er damit umgeht. „So bin ich auch den Jakobsweg gefahren. Beim Losfahren wusste ich: Wenn es an der Grenze zu Frankreich scheitert, dann scheitert es eben. Dann war das mein Jakobsweg. Man muss auch seine Grenzen akzeptieren. Oder man macht es vielleicht auf eine andere Art möglich.“ Was er nicht leiden kann, ist die Haltung: Ich bin behindert, ich komme jetzt, arrangiert alles für mich! Er betont: „ Menschen mit Behinderung dürfen keinen Welpenschutz bekommen. Das ist wichtig! Das ist auch ein Teil von Inklusion. Es gibt Gründe neben der Behinderung, die eine Absage verursachen, da müssen Einsatzstellen auch den Mut haben abzusagen. Ohne Mitleid.“

Wenn für Raphael etwas nicht funktioniert hat, haben sich oft gleich zwei Türen woanders geöffnet und Alternativen machen oft noch mehr Spaß. Wie bei den Seminaren in seinem FSJ Kultur: „Es gab zum Beispiel gruppendynamische Spiele, da hat dann eins nicht gut für mich geklappt und dann haben wir als Gruppe gemeinsam geschaut, wie wir es passend machen und was passiert. Das ist ja auch ein sehr spannender Prozess.“ Raphael weiß aber auch, dass er sich ganz selbstverständlich in neuen Situationen bewegt, weil er denkt, es wird schon klappen. Er muss noch lernen, das mehr zu kommunizieren. Am Ende ist es eben doch wieder das drüber reden, dass allen weiterhilft, weiß er.